Öko-Obstbau 4/2002
Neue Wege im Bereich Unterstockmanagement - Mähen und/oder Bodenbearbeitung?

Der serienmäßige Einzug der Krümelgeräte und anderer Unterstockgeräte in den 90-ern hat u.a. zu einem enormen Schub in Richtung Intensivierung des Ökoobstbau geführt. Einer Vielzahl von Neuumstellern konnte das Schreckgespenst der 'bloßen Handhacke ' genommen und somit die Umstellungsentscheidung erleichtert werden. Außer ein paar Detailverbesserungen ist es in den Folgejahren um die Entwicklung von Geräten ruhig geworden und die einzelnen Anbieter haben sich im Prinzip auf das Zitieren der Pioneerkonstruktionen beschränkt.
Seit etwa zwei Jahren ist so etwas wie Aufbruchstimmung seitens der Konstrukteurszunft zu spüren. Eingeleitet durch Neuentwicklungen bei den Bearbeitungsgeräten (siehe Mitteilungen 3/01) bringen nun einige Tüftler neuen Wind in die Diskussion um das Unterstockmanagement und gehen bei ihren Überlegungen weg vom reinen 'Offenhalten' des Baumstreifen.

Mulchwirtschaft
Das 'Eingrünen lassen' bei extensiveren Anlagen und älteren Bäumen ist nichts Neues. Aus ökologischer Sicht würde auch viel für eine dauerhafte Begrünung sprechen:

  • Das belassen der Bodenstruktur verhindert Verschlämmung und bewahrt das optimale Bodenprofil
  • Die Feindurchwurzelung im Oberkrumenbereich wäre möglich
  • Die Verschleppung von bodenbürtigen Schadorganismen (z.B. Kragenfäule) zwischen und in den Anlagen wäre durch den Verzicht auf Bearbeitungsgeräte vermindert
  • Eine reichere Artenvielfalt der Flora
  • Blühender Unterwuchs schafft Nahrungs- und Rückzugsgrundlage für Zahlreiche Nützlinge (v.a. Adulte)

 

Alles in allem käme dieses System den Wunschvorstellungen des ökologischen Anbaus wohl am nächsten. Die fachliche Praxis und vor allem die ökonomischen Realitäten weisen diesem aber klar die Grenzen des Machbaren auf. Nicht verkraftbare Mindererträge bzw. Baumausfall durch zu starke Nährstoff- und Wasserkonkurenz können nicht nur bei Niederstammanlagen die Folge sein. Speziell bei Junganlagen kann ein starker Unterwuchs das Anwachsen der Bäume verzögern oder gar verhindern. In der Folge haben die Anlagen erst nach Jahren einen nennenswerten Ertrag und neigen zu einer frühzeitigen Vergreisung. Ein Hauptproblem schließlich kann die massenhafte Vermehrung von Mäusen sein, welche sich im Schutze der Begrünung zu einer unbeherrschbaren Plage entwickeln können.
Für ein sauberes Ausmähen war der Umgang mit den entsprechenden Gerätschaften bisher meist mühsam (Fadenmäher) und das Ergebnis eher unbefriedigend.

Intensive Unterstockbearbeitung
Die Wasserversorgung und vor allem die optimale Ernährung kann in gewissen Jahren zum limitierenden Faktor werden. Die Versorgungslage der Pflanze nimmt bei der Ursachenforschung nach den Mindererträgen des Ökoanbaus im Vergleich zum Konventionellen eine zentrale Stellung ein.
Aus diesen Gründen wird für die intensiven Niederstammanlagen ein weitestgehend sauberer Unterstockbereich angestrebt. Speziell kurz vor und in den Zeiten des höchsten Nährstoffbedarfes des Baumes - von Anfang Blüte bis Mitte Juli - sollte der Unterwuchs umgebrochen bzw. gekrümelt werden, um den festgesetzten Stickstoff der Pflanze verfügbar zu machen und eine zusätzliche Anregung des Bodenlebens vollzogen werden kann. Die frühzeitige Bearbeitung fördert eine raschere Erwärmung des Bodens im Frühjahr und stellt somit die Voraussetzung für einen optimalen Start in die Vegetation. Je nach Art des eingesetzten Gerätes und nach Anlage muß für das 'ganz sauber halten' mit der Handhacke nachgearbeitet werden.
Das Offenhalten des Unterstockbereiches gilt gemeinhin auch als Maßnahme zur Reduktion der Mäusepopulation. Zum Einen fehlt den Mäusen bei offenem Boden der Schutz vor natürlichen Feinden (z.B. Div. Greifvögel) und zum anderen stört das regelmäßige Bearbeiten die Entwicklung der Population.
Die Nachteile des sehr intensiven Systems wurden in der Vergangenheit häufig nicht mehr ganz so Wahrgenommen:
  • Das Offenhalten bis in den Spätherbst - speziell zur Mäusebekämpfung gängige Praxis - birgt die Gefahr des Nährstoffaustrags aus den Böden und wirkt dem ökologischen Ansatz der Nährstoffkreisläufe stark entgegen.
  • Die mehr oder weniger ganzjährige Krümlerbearbeitung stellt einen permanenten Angriff auf die Feinwurzelbildung in der Oberkrume dar. Gerade auf flachgründigen Böden sind diese ein wichtiger Bestandteil für die Versorgung des Baumes.
  • Bei schweren Böden kann es bei starken Niederschlägen zu Verschlämmungen kommen.

Systemkombinationen
In unserer ökologischen Produktion gilt es, das Für und Wieder der Systeme abzuwägen. Z.B. Stellt sich die Frage: Wieviel Beikrautkonkurenz ist tolerierbar und wieviel Reduktion an Wurzelvolumen verträgt die Pflanze? Wie kann dem Nährstoffaustrag entgegengewirkt werden?
Für jedes System muß im Idealfall eine Balance gefunden werden. Ein nicht mehr ganz neuer Ansatz, der die verschiedenen Aspekte zu kombinieren versucht, ist das sog. schweizer Sandwichsystem. Dabei wird links und rechts des Baumstreifens der Boden offen gehalten und ein schmaler Bereich im Baumstreifen bleibt begrünt. Einer der Vorteile eines solchen Systems ist, dass hierbei keine Geräte mit komplizierter und teurer Abtasttechnik zum Einsatz kommen müssen. Vielmehr können auch Kleinbetriebe mit einfachen Fräsen ein solches System ohne hohe Geräteinvestitionen umsetzen. Nachteil: Der Grünstreifen in der Mitte muß mehr oder weniger aufwendig gemäht werden. Darüber hinaus bietet der Grünstreifen Mäusen eine ideale Deckung, was zu erhöhten Baumausfällen führen kann.
Der neuere Ansatz, der in einigen Obstbauregionen - allen voran Südtirol - derzeit stark diskutiert und teils praktiziert wird, setzt auf den Wechsel zwischen Krümeln/Umbrechen zum Zeitpunkt des höchsten Versorgungsbedarfes (ab Vegetationsbeginn) und Eingrünen lassen mit Abmähen ab dem Sommer. Dank neuer Technik (siehe nächster Artikel) gerät das alleinige Kredo des 'unter allen Umständen offen und sauber Halten' ins Wanken. Sei es nun aus Kosten- bzw. Organisationsgründen - ganz ohne Handhacke geht's halt doch nicht - oder weil die Nachteile für Boden, Pflanze und Umwelt mehr in Betracht gezogen werden. Dass es hierbei keinen ultimativen Königsweg - vielmehr eine jeweils an verschiedene Faktoren angepasste Lösung gibt - versteht sich von selbst. Als Entscheidungshilfe bei der Frage „welches System ist für meinen Betrieb am besten?" ist die individuelle Bewertung der wichtigsten Faktoren wichtig:

  • Pflanzsystem: Dichtpflanzungen (Baumabstand unter 1m) machen das Krümeln zwischen den Bäumen schwierig bis unmöglich;
  • Sorte, Unterlage: Wuchseigenschaften und -stärke
  • Boden: Wasserkapazität, Nährstoffverfügbarkeit; Porenvolumen (Bodenerwärmung)
  • Mäuse: Scher- und/oder Feldmaus
  • Klima: Temperaturen im Frühjahr und Herbst (Bodenerwärmung)
  • Niederschlagsverteilung am Standort: Nährstoffauswaschung im Herbst, Trockenperioden
  • Möglichkeiten der Bewässerung
  • Betriebsleiter: Produktionsintensität, Investitionen, Betriebsphilosophie

Fazit
Mit der Entwicklung neuer technischer Lösungen entstehen Möglichkeiten die einzelnen Strategien und Arbeitsgänge im Unterstockbereich zu kombinieren. Zukünftig können diese auf die unterschiedlichsten Anforderungen in einem Betrieb abgestimmt werden. Vor der Umsetzung neuer Systeme sollten die individuellen Standortfaktoren unbedingt berücksichtigt werden.

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Philipp Haug, Beratungsdienst Ökologischer Obstbau e.V