Öko-Obstbau 3/2002
Kragenfäule bei Topaz

Die schorfresistente Sorte Topaz hat aufgrund ihrer sehr guten Fruchtqualität und Ertragseigenschaften in den vergangenen Jahren im ökologischen Obstbau eine sehr weite Verbreitung gefunden. In den letzten beiden Jahren sind an Topaz jedoch zunehmend Absterbeerscheinungen aufgetreten. Die Symptome deuten in den meisten Fällen auf Kragenfäule hin. Insbesondere in der Saison 2002 haben die Schäden in einzelnen Anlagen besorgniserregende Ausmaße angenommen, so dass die Entwicklung von Lösungsansätzen dringend gefordert ist.

Schadbild allgemein
Von der Ferne betrachtet, stechen befallene Bäume sofort durch ihre reduzierte Wuchskraft aus dem Bild einer Ertragsanlage hervor. Der Jahrestrieb ist kurz oder bleibt gänzlich aus. Das auffälligste Merkmal ist das chlorotische Blattwerk, welches später rötlich färbt und schließlich abfällt.
Der Fortgang der Krankheit verläuft je nach Sorte relativ schnell. Bei näherem hinsehen kann man den Ort der Infektion finden. Hierbei unterscheidet man drei Krankheitsformen, welche üblicherweise mit englischen Fachausdrücken umschrieben werden (siehe Abbildung):

  • collar rot oder Fäule oberhalb der Veredlungsstelle (Beispiel Topaz, Cox Orange)
  • crown rot oder Fäule im obersten Teil der Unterlage (Beispiel empfindliche Unterlagen wie MM104, MM106 und M26)
  • Root rot oder Fäule der Wurzel

Schadbild an Topaz (collar rot)
Am Stamm, meist in der Nähe der Veredelungsstelle, entstehen zunächst kleine Faulstellflecken. Die Fäule dringt allmählich bis zum Splint vor, breitet sich nach allen Seiten hin aus und kann nach einigen Monaten den Stamm völlig umgürten. Die Rindenflächen verfärben sich violett, erscheinen feucht, und der befallene Stamm wird allmählich braun. In den bisher beobachteten Fällen ist die Unterlage, sofern es sich um M9 handelte immer befallsfrei geblieben, wobei die Grenze zwischen Unterlage und Sorte deutlich erkennbar war. Schneidet man die Faulstelle an, so zeigt sich eine schokoladenbraune Verfärbung.
Der Übergang zum gesunden Gewebe ist unscharf. Die angeschnittene Faulstelle riecht nach Bittermandelöl. Durch die Zerstörung des Gefäßsystems vertrocknet das Laub, die Blätter verfärben sich rötlich violett. Dagegen bleiben die kleinen geschmacklosen Früchte meist hängen. Bisher ist die Kragenfäule bei Topaz in erster Linie in älteren Anlagen aufgetreten.

 

Erreger
Die Kragenfäule wird durch mehrere Arten der Pilzgattung Phytophthora hervorgerufen. Allesamt sind bodenbürtige Erreger, wobei in unseren Breiten die Art Phytophtora cactorum die häufigste und somit gefährlichste Art ist.
Befallen werden zuerst die auf der Erde liegenden Falläpfel. In verseuchten Anlagen sind fast alle Früchte, die beim Junifall abgeworfen werden, erkrankt. Tief hängende Früchte werden durch sporenhaltiges Spritzwasser, das vom Boden an die Früchte gelangt, gefährdet. Phytophtorakranke Früchte behalten ihre Struktur bei, selbst nach völligem Faulen sind sie noch normal fest. Die Infektion des Stammes erfolgt ebenfalls über Spritzwasser vom Boden her.Der Pilz ist dabei auf Verletzungen der Rinde angewiesen, um in den Stamm eindringen zu können. Lange Regenperioden begünstigen die Infektion mit dem Kragenfäule-Erreger. Da die verschiedenen Sporentypen von Phytophtora cactorum ihr Optimum im Bereich von 16 bis 25°C haben, finden Infektionen nur in der Vegetationszeit statt. Als kritischster Bereich wird die Zeit um die Blüte angegeben. In der Vegetationsruhe kommt es zumindest bei Phytophtora cactorum zu keinem Befall. Der Pilz kann jedoch als Spore überwintern - hier spielt insbesondere infiziertes Fallobst eine wichtige Rolle - oder gar über mehrere Jahre im Boden in Form von Oosporen überdauern. Günstige mikroklimatische Bedingungen an der Stammbasis fördern eine Infektion. Eine starke Verunkrautung insbesondere direkt am Stamm, aber auch zu Staunässe neigende Böden sind deshalb im Hinblick auf das Auftreten von Kragenfäule als ungünstig zu bewerten.

Regulierung
Direkte Maßnahmen sind bisher keine bekannt. Vielmehr stehen entsprechend der Erregerbiologie kulturtechnische, bodenverbessernde und schützende Maßnahmen zur Verfügung.
Die sicherste und nachhaltigste Methode 'Topaz' vor dem Kragenfäuleerreger zu schützen, besteht sicherlich in der Verwendung von Zwischenveredelungen. Dies ist jedoch nur für Neuanlagen und da auf längere Sicht betrachtet eine Option, da im Augenblick noch keinesfalls ausreichend Topaz-Bäume mit Zwischenveredelung verfügbar sind. Des weiteren stellt sich hier noch die Frage nach geeigneten Sorten als Stammbildner (siehe hierzu nebenstehenden Kasten).
Sehr viel dringlicher ist im Augenblick ohnehin, Maßnahmen in den bereits bestehenden Topaz-Anlagen einzuleiten, um Infektionen mit Kragenfäule zu verhindern.
Hier lassen sich Maßnahmen, die zu einer Reduktion des Infektionspotentials führen, von Maßnahmen, die zu einer Verhinderung von Infektionen führen, unterscheiden.

Stammanstrich
Eine Möglichkeit, den Stamm vor einer Infektion zu schützen, stellt ein Stammanstrich mit Kupfer dar. Derzeit sind drei Kupferpräparate in Deutschland zugelassen, wobei für Cuprozin WP und Funguran-OH die Zulassung Ende 2002 ausläuft. In der kommenden Saison bleibt also nur das Kupferoxychlorid Präparat Funguran, das bis zum 30.12.2004 eine Zulassung besitzt. Funguran kann vor der Blüte und nach der Ernte zur punktuellen Behandlung gegen Kragenfäule mit max. 2,5 kg/ha angewendet werden. Es ist sicherlich sinnvoll, dem Kupfer ein Haftmittel zuzusetzen. Hier bietet sich ein Stammanstrichmittel (z.B. Preicobact) an, das neben der Funktion als Haftmittel für Kupfer noch bestehende Verletzungen und Risse in der Rinde verschließt und so die Sporen an einem Eindringen in den Stamm hindert. Aber auch andere Haftmittel wie z.B. Pinienöl, Silkaben, Wasserglas sind denkbar und werden von einzelnen Praktikern bereits verwendet. Die Letzgenannten Präparate könnten zusammen mit dem Kupfer auch mit einer Spritzpistole gesprüht werden, was arbeitstechnisch einfacher ist. Die Maßnahme sollte kurz vor Vegetationsbeginn durchgeführt werden. Unklar ist noch, wie hoch entlang des Stammes die Behandlung erfolgen muß. Führt man die Behandlung bis zum untersten Gerüstast durch liegt man jedoch erstmal auf der sicheren Seite.
Ist es bereits zu einer Infektion gekommen, so kann durch Ausschneiden der Befallsstelle versucht werden, die Ausbreitung im Stamm zu stoppen und so den Baum zu retten. Dies sollte im Sommer geschehen, wenn noch keine äußerlichen Symptome sichtbar sind (Rotverfärbung des Laubes). Da sich der Pilz bei günstigen Witterungsbedingungen sehr schnell im Gewebe ausbreitet, sind hier regelmäßige Kontrollgänge in der kritischen Zeit notwendig. Nach dem Ausschneiden sollte die Wunde mit Funguran behandelt werden.

Verringerung des Sporenangebotes
Sind in einer Anlage bereits nennenswerte Ausfälle zu verzeichnen, so ist davon auszugehen, dass sich im Boden ein hohes Infektionspotential befindet, das durch geeignete Maßnahmen gesenkt werden sollte.
Eine Maßnahme, die in der Literatur immer wieder genannt wird, ist der Einsatz von Rizinusschrot. Rizinusschrot soll antagonistisch wirkende Bodenbakterien fördern und so den Besatz mit Phytophthora-Sporen senken. Demgegenüber soll Hühnermist den Pilz stark fördern.
Eine hemmende Wirkung auf den Pilz soll auch die Aussaat von Kreuzblütler (Senf, Raps, Ölrettich) haben. Die Verwendung von Rapsschrot ist derzeit noch in der Versuchsphase, da hierbei nicht jeder Raps geeignet scheint (Säureanteil).
Eine weitere Maßnahme zur Verringerung des Infektionspotentials liegt in der Entfernung des Fallobstes. Wie bereits angeführt kommt dem Fallobst beim Schließen des Infektionskreises und damit der Weiterverbreitung des Pilzes eine große Bedeutung zu.
Meliorationsmaßnahmen können Staunässe verhindern und somit die Ausbreitung und Vermehrung des Pilzes im 'Fließwasser' eindämmen. Eine gute Durchlüftung fördert zusätzlich das Bodenleben.
Der Einsatz von Kompost ist bei der Antagonistenförderung ein wirksames Mittel. Untersuchungen aus den USA haben gezeigt, daß bei Zugabe von Kompost ins Pflanzloch ein deutlich geringerer Befall eintrat. Dies scheint auch aufgrund der Erfahrungen an anderen Kulturen denkbar: So hat der Einsatz von Kompost an Himbeeren sowohl in schweizer Versuchen, als auch in der Praxis die Phytophtora-Problematik an dieser Kultur deutlich zurückdrängen können.
Die direkte Beimpfung des Bodens mit Antagonisten wird derzeit ebenfalls diskutiert, für eine Empfehlung fehlen aber noch ausreichend Erfahrungen. Amerikanische Versuche mit Enterobacter aerogenes waren in der Vergangenheit schon sehr vielversprechend. Mit der Zugabe von Trichoderma ins Pflanzloch konnten ebenfalls schon positive Effekte erzielt werden. Weitere Untersuchungen sind noch notwendig.

Zusammenfassung und Ausblick
Erste Erfahrungen mit dem Stammanstrich zeigen, dass ein gewisser Schutz vor Infektionen mit dem Kragenfäuleerreger gegeben ist. Für mittel- und langfristige Lösungen müssen die Anstrengungen aber in Richtung Bodengesundung erfolgen. Für eine Abschätzung der Wirkung und Praktikabilität sind zu möglichen Maßnahmen Untersungen zu machen:

  • Verwendung von geeigneten organischen Düngern,
  • Einsaaten
  • Effekt von Hygienemaßnahmen
  • Förderung von Antagonisten durch Komposteinsatz
  • direkte Bodenimpfung mit Mikroorganismen

Bei Neupflanzungen sollte zukünftig unbedingt auf Pflanzmaterial mit Zwischenveredlung gesetzt werden. Hierzu sollten die Baumschulen schnellstmöglich reagieren, um im ausreichenden Umfang Pflanzmaterial bereit stellen zu können. Damit wäre die Anbauwürdigkeit der Sorte Topaz durch die hohe Anfälligkeit für Kragenfäule nicht grundsätzlich in Frage gestellt.

Literatur
Kurt Heinze: Leitfaden der Schädlingsbekämpfung, Band II Schädlinge und Krankheiten im Obst- und Weinbau. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 1978
Georg Vukovits: Obstkrankheiten Teil II Kernobst. Leopold Stocker Verlag Graz und Stuttgart1980
S.N.Jeffers; W.F.Wilcox; Compendium of apple and pear diseas; APS print, St. Paul, Minnesota 1991
Friedrich/Rode: Pflanzenschutz im integrierten Obstbau.Verlag Eugen Ulmer 1996
J.Rüegg, A. Bolay; Merkblätter zu Krankheiten im Obstbau; Hersg.: Zentrale für Obstbau CH-Koppingen
E.Lardschneider(Laimburg;it); pers. Mitteilung
Dr.Richter ( LFP Stuttgart); pers. Mitteilung

R. Neuweiler; Vortrag anl. Ökol. Beerenobsttagung Weinsberg 2001
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Markus Boos, Philipp Haug, Beratungsdienst Ökologischer Obstbau e.V