Öko-Obstbau 2/2002
Frühjahr 2002 - Bewährungsprobe in Sachen Schorf
Ein Situationsbericht aus der Region Neckar
Schorfsaison 2002 begann bereits im Herbst 2001
Naß-kalter September und goldener Oktober mit spätsommerlichen Temperaturen; gepaart mit morgendlichem Tau: Im Erntestress schaut man nicht mehr so genau hin, aber daß die Bedingungen für den Schorf noch optimal waren und die Vegetation alles andere als abgeschlossen hatte, konnte man an dem teilweise enormen Triebspitzenbefall selbst in vermeintlich sauber-geglaubten Anlagen Ende Oktober begutachten. Für ausreichend Potential im Folgejahr war also gesorgt.
In den folgenden Wochen hat der Blattfall bei den allermeisten Sorten erst extrem Spät eingesetzt. Bäumeschneiden bei nahezu voller Belaubung war keine Ausnahme und nicht nur - wie gewohnt - bei der Sorte 'Elstar' angesagt. Stellenweise waren sogar noch nach Neuaustrieb im Frühjahr alte Blätter in den Baumkronen vorhanden.
Entsprechend wenig zersetzt fand man das Fallaub dann zu Saisonsbeginn unter den Bäumen vor: Ungewöhnlich ledrige Blätter, von zäher Konsistenz.
Eine mögliche Erklärung für den späten Blattfall ist wahrscheinlich in der Witterung Ende letzten Jahres zu suchen: Ein untypisch früher Kälteeinbruch beherrschte die erste Novemberhälfte und traf die meisten Bäume noch in vollem Laub. Dieser Schock könnte notwendige physiologische Prozesse womöglich unterbrochen haben und so zu einem gestörten Trenngewebsausbildung und somit einer Verzögerung des Blattfalles geführt haben.


Wetterentwicklung und Ascosporenprognose im Frühjahr

Der streckenweise viel zu milde Februar führte zu einem etwas früheren Austrieb gegenüber den Durchschnittsjahren (Am Standort Weinsberg war am 5.3.02 'Jonagold' im Stadium grüne Spitzen; 'Nela' war bereits im Mausohrstadium) und brachte bei der 'Ausschüttelung mit Wasserbadmethode' (siehe Artikel DR.KOLLAR) erstaunlicherweise bereits am 25.2. eine nicht unerhebliche Anzahl an reifen Ascosporen zum Vorschein (PFEIFFER). In der gesamten Region kam es allerdings erst zwischen dem 18.-23.3. zu ersten großen Infektionsbedingungen. Ansonsten gestaltete sich der März ungewöhnlich trocken und aus pflanzenschutzsicht als äusserst ruhig. Rechtzeitig zum Ballonstadium erfuhr die Region dann einen länger anhaltenden „Wetterumschwung:"; will heißen, innerhalb von vier Wochen hatte es mehr als 20 Tagen geregnet und zeigten die Blattnaßfühler mit wenigen Stunden Unterbrechung an 28 Tagen Blattfeuchte/näße an. Bezüglich der Ascosporen waren die Regentage 23.4.-27.4 und vor allem 1.5.-5.5. (siehe Rimpro Graphik) die wohl wichtigsten Termine der Saison. Daß es sich auch bei der rekordverdächtigen Sporenquantität nicht nur um ein rein vom Modell berechnetes, theorethisches Potential handelte, zeigen nicht nur die die 'Ausschüttelungen': Ein rein praktisches Indiz sind vereinzelt aufgetretene Schorfdurchbrüche an resistenten Sorten. Schorfläsionen an den entsprechenden Blättern der Langtriebe verweisen auf einen Resistenzdurchbrüche bei den Sorten 'Topaz', 'Otava' u.a., die auf die besagten Termine zurückgehen. Am Standort Weinsberg konnten an ca. 10% der Topazbäume einzelne Blätter mit Schorffleckchen gefunden werden. Erstmals konnten hiervon auch drei Früchte mit Fruchtschorf bonitiert werden.
Frühestbefall und Konidieninfektionen
Im Unterschied zu den üblichen Schorfjahren, war in auffällig vielen Anlagen Schorf bereits an den Rosettenblättern zu verzeichnen.
Die Frage die letztlich im Raum steht, ist ob es sich hierbei um sehr frühe Askosporeninfektionen (bereits Ende Februar siehe 'Ausschüttelung') und/oder die Infektionen von den überwinternden Konidien (altes Laub u.a. in der Baumkrone) herrührten.
Anlagen, mit derartigem Frühbefall waren ab Mitte April unter fast permanentem „Konidienbeschuß" (siehe Millstabelle Baumerlenbach). Bei den mehrtägigen Niederschlägen und dem enormen Zuwachs in dieser Zeit, war - wenn überhaupt - an ein 'Belag halten' nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Die explosionsartige Ausbreitung des Schorfes war somit vielerorts vorprogrammiert.

 



Mittelwahl und Terminierung
Entsprechend der Erfahrungen der letzten Jahre, konnten die Praktiker aufgrund der langen Trockenperioden im März gut und gerne auf die Hälfte der sonst üblichen Kupferbehandlungen verzichten. Die Problematik, daß zumindest eine der großen Infektionen in der Kupferfreien Blütezeit aufläuft, ist Normal; in diesem Jahr lagen aber fast alle wichtigen Infektionstermine in diesem Bereich. Versuche aus der Vergangenheit haben immer wieder gezeigt, daß der alleinige Einsatz von Schwefel + saures Gesteinsmehl der Schorfbefall kontrolliert werden kann, aber die Wirkung einem sehr hohen Druck nur bedingt gewachsen ist (PFEIFFER). D.h. Praktiker, die in dieser kritischen Phase in der Hauptsache auf die Vorlage von Schwefel und Mycosin gesetzt haben, mussten in der Folge leidvoll erfahren, wie sich die Ausbreitung des Schorfes in solchen sytuationen potenzieren kann.
Für die Allermeisten war die Frage der Mittelwahl beantwortet: Schwefelkalk.
Jedoch auch beim Thema Schwefelkalk hat sich der ein oder andere - zumindest in der Aufwandmenge - aufgrund schlechter Berostungserfahrungen in den letzten Jahren zurückgehalten. Diverse Erfahrungen bei der Ascosporenbekämpfung zeigen jedoch, daß es bei der Aufwandmenge ein Optimum zwischen 1,5%-2% bei der Wirrkung gibt und welches nicht unterschritten werden sollte (ZIMMER; TRAPMAN; PALM). Vielversprechend sind auch Laborergebnisse beim Einsatz des Schwefelkalks gegen Konidien (ZEMMER). Erfolge bei der Bekämpfung des Birnenschorfes in den Niederlanden (BLOKSMA) waren allerdings erst mit, sehr hohen Aufwandmengen und wiederholter Applikation möglich.
Aber auch der Schwefelkalk war - „so irgendwann ausgebracht" - nicht überall das Allheilbringende. Sowohl die 'kurative' Leistung ist tatsächlich begrenzt (siehe Artikel ZEMMER), als auch der Einsatz als reines Belagsmittel vor Regenbeginn scheinen bei den Extrempeaks nicht auszureichen. Entsprechend der Versuchsergebnisse der letzten Jahre (TRAPMAN; KELDERER) waren in der Praxis befriedigende Ergebnisse nur dann zu erwarten, wenn bei besagten Terminen neben Belagsbehandlungen vor dem Regen, zusätzliche Applikationen mit Schwefelkalk auf das nasse Blatt wenige Stunden nach Regenbeginn als 'Stopspritzung' durchgeführt wurden.

Applikationstechnik
Offen bleibt auch in diesem Jahr die Frage nach der Applikationstechnik. Etwa ob nun der Schwefelkalk mit 180l/ha Wasseraufwandmenge die gleiche Wirkung hat, wie bei 1000l/ha? Wieviel Wasser braucht es beim Austrieb (Kupfermenge)? Und wohl die wichtigste Frage: Was und wieviel kommt überhaupt an den Stellen, wo ich es haben will an?
Oder besser gefragt: Stimmt die Einstellung der Spritze (Gebläse, Düsen , Leitbleche...)?

Fazit

Alleinige Belagsbehandlungen jeweils vor den oben erwähnten Terminen, waren klar nicht ausreichend. Aber auch Zusatzbehandlungen auf das nasse Blatt und in den Regen hinein reichten nicht immer aus. Vor dem Hintergrund der stellenweise großen Altlasten aus dem letzten Jahr - will meinen, des enormen Spätbefalls und des daraus resultierenden recht großen Sporenpotentials - waren in diesem Jahr auch die kleineren Regenereignisse für eine recht frühe und während des gesamten Frühjahrs anhaltenden Konidieninfektionen, von großer Bedeutung.


Literatur:
Bloksma J.(2001), Apple and pear scab; Annual report 2001, LBI organic fruit growing research
Kelderer M. (2000) „Zwei Jahre Erfahrungen mit der gezielten Schorfbekämpfung durch die Oberkronen Beregnung." 9.Internationaer Erfahrungsaustausch über Forschungsergebnisseen zum ökologischen Obstbau. Hrsg.: FÖKO Weinsberg
Kelderer M. (2001) "Leitfaden für den biologische Obst- und Weinbau 2002" Versuchszentrum Laimburg 2002.
Palm, Klopp (2002) Control of venturia inaequalis;10.Internationaer Erfahrungsaustausch über Forschungsergebnisseen zum ökologischen Obstbau. Hrsg.: FÖKO Weinsberg 2002
Pfeiffer B. (2000); Nebenwirkung von Schorfbekämpfungsmitteln; 9.Internationaer Erfahrungsaustausch über Forschungsergebnisseen zum ökologischen Obstbau. Hrsg.: FÖKO Weinsberg 2000
Pfeiffer B. (2002) pers. Mitteilung
Trapman, M.C. (2002) The post infection use of Lime sulphur to control apple scab. 10.Internationaer Erfahrungsaustausch über Forschungsergebnisseen zum ökologischen Obstbau. Hrsg.: FÖKO Weinsberg 2002
Zimmer, J. (2000): Die Wirkungen von Schwefelkalk. Obstbau 4: p 255-258
Zimmer, J. (2000): Gezielte Schorfbekämpfung mit Schwefelkalk. Obstbau 5: p 293-296

___________________________________________
Philipp Haug, Beratungsdienst Ökologischer Obstbau e.V.